Autorisieren von Zitaten: Ja oder nein?

Sollen Zitate autorisiert werden?

Sollen Zitate autorisiert werden?

Es gibt ein Spannungsverhältnis zwischen Journalismus und PR: Wann immer das Thema Autorisieren von Zitaten zur Sprache kommt, wird es laut und manchmal auch sehr laut. Was ist das Problem?

Jeder, der mit Kommunikation zu tun hat und schon mal ein Interview geführt oder gegeben hat, kennt das Szenario: “Schicken Sie mir bitte die Zitate”, fragt der Pressesprecher. Der Journalist antwortet sehr professionell: “Ja, natürlich.” Dazu verpflichtet ist er freilich nicht. Und so richtig in den Kram passt ihm das Ganze auch nicht unbedingt. Denn: Sehr wahrscheinlich schreibt er das Interview nicht auf Basis seiner Erinnerung, ein Diktiergerät lief die ganze Zeit mit, so dass das Gesagte gesagt wurde und nun protokolliert dargestellt werden kann. Wozu also bitte Zitate autorisieren lassen?

Autorisieren in einer perfekten Welt unnötig

In einer perfekten Welt, in der Pressesprecher und PR-Verantwortliche ihre Kollegen, die mit der Presse sprechen, ordentlich vorbereiten, in der eben diese Kollegen sich an die Kommunikationsstrategie und vielleicht sogar an die Wordings halten, in der Journalisten Zitate weder verändern, noch aus dem Zusammenhang reißen und schon gar nicht zuspitzen, in einer solche Welt ist es müßig, sich über das Autorisieren von Zitaten zu unterhalten. Doch leben wir nicht in einer solche Welt. Dazu habe ich zwei Beispiele.

Als Pressesprecher geprellt

1. Als ich bei scoyo arbeitete und dort die Unternehmenskommunikation verantwortete, hat mein CEO einem Wirtschaftsmagazin ein Interview gegeben. Es ging um die Strategie, um das Produkt und um den Markt im Allgemeinen. Keine große Nummer, keine außergewöhnliche Geschichte. Da keine außergewöhnlichen Fragen gestellt wurden, gab es auch keine außergewöhnlichen Antworten. Wir waren hinterher mit dem Verlauf des Interviews trotzdem ziemlich zufrieden, weil alle Punkte, die uns wichtig waren, zur Sprache kamen – wenn auch nicht zum ersten Mal. Natürlich fragte ich hinterher: “Schicken Sie mir bitte vor Veröffentlichung die Zitate zu?” Und natürlich antwortete der Journalist “Natürlich.” Ich war ein wenig erstaunt, als die Zitate auch noch ein paar Tage später nicht kamen und wir uns so langsam dem Tag der Veröffentlichung näherten. Also übernahm ich selbst die Initiative und meldete mich bei dem zuständigen Journalisten – ohne Erfolg. Er ignorierte sowohl Mails als auch Anrufe. Also ging ich an den Ressortleiter, der sehr freundlich reagierte und dafür sorgte, dass ich einen Rückruf erhielt. “Stress”, war die Ausrede. Kann passieren; kennen wir alle. Eine Stunde später lagen mir sieben Zitate zum Autorisieren vor. Fünf kamen mir sehr bekannt vor, so dass ich dahinter einen Haken machen konnte. Zwei Äußerungen aber überraschten mich. Ich hielt Rücksprache mit meinem CEO; er war auch ein wenig konsterniert. Glücklicherweise nehme ich selbst jedes Interview, dem ich beiwohne, auf. Also hörte ich rein. Zwei Mal. Ich konnte die Äußerungen nicht finden. Sie wurden einfach nicht getätigt. Also rief ich erneut den Journalisten an, dieses Mal glückte die Kontaktaufnahme sofort; schließlich stand der Redaktionsschluss unmittelbar bevor. “Es tut mir sehr leid, aber ich kann die Zitate drei und sechs nicht autorisieren. Wir haben diese Äußerungen nicht getätigt.” – “Doch, doch. Ich habe das Ganze auf Band hier. Klar und deutlich kann ich das hören.” – “Das ist gut, denn ich habe auch ein Band mitlaufen lassen, und mir fehlt eben dieser Teil. Verwenden Sie ein digitales Gerät? Dann können Sie mir das Ganze ja kurz per mp3 schicken…” Ich mache es kurz: Ich bekam weder eine mp3, noch ist das Interview jemals erschienen. Die Geschichte wurde kurzfristig, sehr kurzfristig mit dem Verweis auf eine brandaktuelle andere Nachricht aus dem Blatt genommen; später hat es nicht mehr gepasst. Hätte es gepasst, hätten wir ein Problem bekommen, weil Details über das Unternehmen in den Umlauf gekommen wären, die nicht der Wahrheit entsprachen. War an dieser Stelle das Autorisieren von Zitaten sinnvoll? Es war sogar absolut notwendig.

Als Journalist um die Story betrogen

2. Bevor ich zur Public Relations bzw. Public Affairs wechselte, arbeitete ich einige Jahre als Journalist. In dieser Zeit habe ich sehr viele Interviews geführt – mit Schauspielern und Regisseuren, Sängern und Musikern, Sportlern und Autoren. Es begab sich, dass ich einen Journalisten traf, der gerade sein erstes Buch veröffentlicht hatte. Ein tolles Werk, das nicht nur mein Interesse weckte. Pointiert geschrieben und mit einer tollen Storyline. Umso glücklicher war ich, dass das Interview zustande kam. Fast zwei Stunden saßen wir beisammen und unterhielten uns. Es war ein amüsantes Gespräch, von uns beiden sehr locker geführt. Umso größer war später mein Glück, als ich das Band abhörte und einige Äußerungen darauf hörte, die mit Sicherheit Aufsehen erregen würden. Es war die Zeit, in der Dieter Bohlen seine erste Autobiographie (ein riesiger Erfolg damals) veröffentlichte und Katja Kessler, seine Co-Autorin und Ehefrau von Kai Diekmann, deswegen in der Medien-Szene durchaus im Gespräch war. Wir unterhielten uns über das Genre der Biographien und Kessler, was meinen Interview-Partner dazu verleitete “Kessler ist die Pest” zu sagen. Gesagt ist gesagt; das Tonband habe ich heute noch. Für mein Verständnis ist das eine Aussage, die Echo hervorrufen müsste. Also habe ich daraus eine Zwischenüberschrift gemacht. Und weil ich als Journalist fair sein wollte, habe ich unaufgefordert das fertige Interview zum Autorisieren rübergeschickt. Wie gesagt: Ich wollte fair sein. Vielleicht habe ich ja irgendwo ein Wort falsch verstanden, oder aber der Duktus passte dem Autor nicht. Kommt vor; ist ja auch keine große Sache, das zu ändern. Was ich dann aber las, als ich die Antwort erhielt, erstaunte mich über die Maßen: Der ganze Teil zu Bohlen, den Biographien und vor allem das Zitat fehlte komplett. Einfach gestrichen. Warum? Ist ja klar. Das war dem Autor dann doch zu heikel. Verstehe ich. War es auch. Nur: Gesagt ist gesagt. Wenn man nicht imstande ist, sich seiner Wort bewusst zu sein, sollte man keine Interviews geben. Und eigentlich auch keine Bücher schreiben. Ich habe einige Tage darüber nachgedacht, wie ich verfahren soll: Darauf bestehen; ich hatte ja alles auf Band? Oder “fair” sein und den Wünschen des Autors entsprechen? Ich entschließ mich zur zweiten Variante. Das Interview aber war in meinen Augen wertlos. Das Gespräch ein Geplätscher ohne Pointen und ohne Punchline. Ich habe es trotzdem publiziert. Wie sehr habe ich mich dafür gehasst, dass ich die Zitate zum Autorisieren verschickt habe.

Ich kenne also beide Situationen: Die Rolle des “betrogenen” oder aber zumindest missverstandenen Pressesprechers und ebenso die des gehörnten Journalisten. Als ich dann also vor kurzem las, dass die New York Times das Autorisieren von Zitaten abschafft, war ich mit mir selbst im Zwist: Ist das nun eine gute Sache, oder nicht? Und für wen? Bis heute habe ich keine Antwort darauf gefunden. In einer perfekten Welt wäre es keine Nachricht wert gewesen. In einer perfekten Welt werden nur solche Äußerungen getätigt, die druckreif sind und ebenso von Journalisten aufgefasst und publiziert. Wir leben aber in einer Welt, auf die weder das Eine noch das Andere zutrifft. Ich fürchte, auch bei der New York Times ist es nicht anders.

  • Claudia

    Danke für den Einblick.

  • valentinheyde

    Klare Meinung: Zitate autorisieren finde ich bei Gesprächen ohne Bandmitschnitt (ha, als würde da noch irgendwer ein Band benutzen…) wunderbar, denn es kann beiden Seiten den Hintern retten. Bei mitgeschnittenen Interviews finde ich es jammerschade… Ich möchte mit Menschen sprechen, die dazu stehen können, was sie sagen. Es steht im Gespräch zu jedem Zeitpunkt frei zu sagen: Hey, bei diesem oder jenen Punkt lassen Sie mich nach dem Gespräch bitte noch mal die Fakten checken, dieses oder jenes bleibt bitte unter uns etc… Ich sage das, obwohl ich Journalisten in meiner Arbeit für Kunden freilich auch um die Zitate bitte. Wenn sie die schicken und ich feilen kann, habe ich halt einen Vorteil. Trotzdem wünscht sich ein großer Teil von mir Redaktionen mit Rückgrat, Journalisten mit Meinungen und Gespräche auf Augenhöhe. Ein guter Journalist muss nicht verzerren – in deinem ersten Beispiel hat ein Journalist hingegen klar gegen die Regeln verstoßen. Ein guter Interviewpartner weiß aber eben auch, was er sagen kann und was nicht. Und er ist bereit ein wenig Stimme zu zeigen, neben dem weich-autorisierten Wellness-Gerede, das in so vielen Wirtschaftsteilen zu lesen ist… So. Meinen klare Meinung ist also auch nicht ganz klar ;-)

    • sachar

      Also stimmst Du mir sogar zu mit der “perfekten Welt”, nicht wahr? ;-)

      • valentinheyde

        Sagen wir: halb. In einer Welt, die ich mir wünsche, sind alle etwas wahrhaftiger und mutiger. Ob die perfekt ist, weiß ich nicht. Möglich wäre sie jedenfalls… :-)

  • Paulssen

    Lieber Sachar,

    aus Sicht eines Kommunikationsverantwortlichen gibt es im Printbereich eine rein technische Notwendigkeit für die Autorisierung. Ein Zwiegespräch von einer Stunde passt ungefähr auf 10 bis 15 eng beschriebene DIN A4-Seiten. Publiziert werden Interviews eher als Zweispalter bis halbe Seite in der Tagespresse, oder auf einer Seite in Magazinen. Zitate MÜSSEN also aus dem Zusammenhang gerissen werden, sonst wäre das Stück in der Regel zu lang. Wenn du als Journo nur einen begrenzten Platz hast, stellst du auch gern Themenblöcke des Gesprächs um. Und auch das kann die Intention komplett verändern. Gib mir einen einstündigen Gesprächsmittschnitt – und ich baue dir daraus mit den Originalantworten ein halbes Dutzend Interviews, die beim Leser genausoviele unterschiedliche Meinungen über das Gesagte hinterlassen.
    Dann noch was zu den Regeln: Die Ansage, dass die Zitate bitte zur Autorisierung zugeschickt werden sollen, muss am Anfang des Gespräches stattfinden, um Irritationen zu vermeiden.
    Das prinzipielle Kreuz mit dem Autorisieren ist allerdings, dass der Kommunikationsverantwortliche gern abschwächt und der Redakteur gern etwas Knackiges hätte. Als Kompromiss lasse ich gern in Bildern sprechen: Was habe ich denn schon inhaltlich dramatisches gesagt, wenn ich auf die Frage nach einer Schuld von Investmentbankern antworte: “Es gibt immer Menschen, die erst dann merken, dass ihnen ein Nagel in den Kopf geschlagen wurde, wenn Rost am Gesicht heruntertropft…” ;-)

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